ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung) wird häufig mit Kindern, Schulproblemen oder mit dem Bild eines permanent zappelnden Menschen verbunden, der angeblich „einfach nicht stillsitzen kann“.
Spätestens im Erwachsenenalter zeigt sich jedoch ADHS verschwindet nicht, es verändert nur sein Erscheinungsbild. Oft wird es leiser, innerlicher und damit unsichtbarer. Im Rahmen der Neurodiversität wird ADHS daher nicht primär als Defizit verstanden, sondern als andere Art der Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Selbststeuerung, die in vielen gesellschaftlichen Strukturen auf erhebliche Hürden stößt.
Was ist ADHS überhaupt?
(Hinweis: Da sich ADHS bei Frauen und Männern teilweise unterschiedlich zeigt, dient dieser Beitrag als allgemeine Einführung in das Thema.)
ADHS ist eine neuroentwicklungsbedingte Ausprägung, die sich unter anderem in Besonderheiten der Aufmerksamkeit, Impulssteuerung, Aktivitätsregulation und Reizverarbeitung zeigt. Dabei geht es nicht um „zu wenig Aufmerksamkeit“, sondern um eine andere Art, Aufmerksamkeit zu steuern. Menschen mit ADHS können sich stundenlang hochkonzentriert mit einem Thema beschäftigen, solange es sie interessiert.
- hohe Detailgenauigkeit
- starkes logisches oder systemisches Denken
- Kreativität, Querdenken, Ideenvielfalt
- Ausdauer bei Interessensgebieten
Bei anderen Aufgaben hingegen scheint Aufmerksamkeit sich spontan in den Feierabend zu verabschieden. Typische Herausforderungen:
- Reizüberflutung
- Schwierigkeiten mit impliziten Erwartungen
- Zeitmanagement oder Priorisierung
- soziale Codes
Es ist keine Frage von Willenskraft oder Motivation, auch wenn sich hartnäckig das Missverständnis hält, „Betroffene müssten sich einfach besser organisieren“. Dass Organisation selbst oft das eigentliche Problem ist, bleibt dabei erstaunlich konsequent unbeachtet.
ADHS im Alltag
Im Alltag zeigt sich ADHS häufig in einem Spannungsfeld zwischen hoher innerer Aktivität und dem Versuch, äußeren Erwartungen gerecht zu werden. Reizoffene Umgebungen, Zeitdruck oder unklare Anforderungen können schnell zur Überforderung führen. Gleichzeitig bringen viele Menschen mit ADHS-Eigenschaften mit, die gesellschaftlich durchaus gefragt sind wie z.B. Kreativität, Spontaneität, Begeisterungsfähigkeit und die Fähigkeit, ungewöhnliche Lösungen schnell zu finden.
Alltägliche Dinge wie Termine einhalten, Aufgaben priorisieren oder Routinen aufrechterhalten können jedoch deutlich mehr Energie kosten. Das führt nicht selten zu dem Eindruck, man sei „ständig beschäftigt, aber nie fertig“. Diese unsichtbare Mehrarbeit wird von außen oft übersehen – was die klassischen Zuschreibungen wie „chaotisch“ oder „unzuverlässig“ begünstigt.
Gesellschaftliche Perspektive
Gesellschaftlich ist ADHS stark normativ bewertet. Konzentrationsfähigkeit, Selbstkontrolle und lineare Produktivität gelten als Maßstab. Wer davon abweicht, fällt auf und das meist nicht positiv. ADHS ist dabei häufig eine unsichtbare Neurodivergenz. Viele Betroffene kompensieren über Jahre hinweg durch „Maskieren“, funktionieren nach außen und zahlen aber innerlich einen hohen Preis. Dies zeigt sich dann aber auch in anderen gesundheitlichen Nebenerscheinungen wie Sucht, Übergewicht, falsche Ernährung usw., um nur ein paar zu nennen.
Späte Diagnosen sind keine Seltenheit. Nicht wenige Menschen erfahren erst im Erwachsenenalter, dass sie nicht „schwierig“, sondern neurodivergent sind. Diese Erkenntnis wirkt oft gleichzeitig entlastend aber auch irritierend, vor allem wenn man feststellt, dass man jahrzehntelang versucht hat, sich an ein System anzupassen, das nie für einen gedacht war.
ADHS im Beruf und in der Arbeitswelt
Die Arbeitswelt ist für Menschen mit ADHS oft eine besondere Herausforderung. Lange Meetings oder Teamsitzungen ohne klare Agenda, können zur Ausdauerprüfung werden, vor allem dann, wenn der Inhalt nicht explizit benannt ist . Auch Multitasking freundliche Großraumbüros sind denkbar ungünstige Bedingungen. Dadurch entstehen in Teams schnell Missverständnisse, Irritationen oder vorschnelle Zuschreibungen: „zu langsam“, „zu chaotisch“, „zu direkt“.
Gleichzeitig zeigen viele Menschen mit ADHS ihre Stärken dort, wo Kreativität, Abwechslung und schnelles Denken gefragt sind. Entscheidend ist nicht die Anpassung der Person, sondern die Gestaltung der Arbeitsumgebung: klare Prioritäten, strukturierte Kommunikation, visuelle Hilfen und realistische Zeitrahmen.
Nicht die Neurodiversität ist das Problem – sondern die fehlende Anpassung von Strukturen und die passende Kommunikation.
Viele Organisationen arbeiten mit stillschweigenden Annahmen:
- Informationen werden mündlich weitergegeben
- Aufgaben sind „eh klar“
- Meetings usw. funktionieren für alle gleich
Für neurodiverse Mitarbeitende sind dies massive Barrieren. Nicht aus Unwillen, sondern weil Kommunikation nicht explizit genug ist.
In einem Team würde allein die Einführung klarer Strukturen und visueller Aufgabenübersichten zu weniger Konflikten, weniger Fehlern und deutlich mehr Zufriedenheit bei allen, nicht nur bei neurodiversen Mitarbeitenden führen.
Aber was könnte man konkret tun?
Organisationen und Teams profitieren enorm, wenn Unterschiedlichkeit nicht angepasst, sondern inklusiv wird. Das erfordert Mut, Geduld und Haltung, die nicht normiert, sondern ermöglicht.
Die ersten Schritte wären die Kommunikation expliziter machen:
- Erwartungen klar benennen
- Aufgaben schriftlich festhalten
- Entscheidungen transparent begründen
Struktur anbieten und nicht aufzwingen:
- visuelle To-do-Listen
- klare Zeitfenster
- feste Abläufe mit Flexibilität
Stärken gezielt nutzen:
- Detailarbeit, Analyse, Struktur
- kreative Problemlösung
- Spezialwissen sichtbar machen
Kleines Fazit
Neurodiverse Teams funktionieren nicht trotz ihrer Vielfalt sondern
„wegen ihr“
Inklusive Führung ist mehr als ein Schlagwort, sie ist eine Haltung die gelebt werden muss, die Teams stärkt, Diversität fördert und dafür sorgt, dass jede Person, unabhängig von Fähigkeiten oder Besonderheiten, Teil des Teams sein können.
Bildung und Ausbildung
Das Bildungssystem ist einer der ersten Orte, an dem ADHS sichtbar wird, nicht unbedingt, weil Kinder oder Jugendliche „auffällig“ sind, sondern weil das System sehr klare Vorstellungen davon hat, wie Lernen auszusehen hat (von Menschen gemacht). Stillsitzen, zuhören, Arbeitsaufträge linear abarbeiten, Leistungen unter Zeitdruck erbringen. Diese Anforderungen sind nicht neutral, sondern spiegeln ein bestimmtes Bild vom „richtigen Lernen“ wider.
Für viele Menschen mit ADHS bedeutet das, dass ihre Art zu denken und zu lernen früh als problematisch markiert wird. Nicht selten wird Aufmerksamkeit mit Gehorsam verwechselt und Bewegung mit Störung. Das System reagiert darauf oft mit Sanktionen, Bewertungen oder Fördermaßnahmen, die sich primär an Anpassung, Integration orientieren und weniger an Inklusion.
Besonders wirksam ist dabei der sogenannte versteckte Lehrplan, unausgesprochene Erwartungen darüber, wie man sich organisiert, meldet, zuhört oder Prioritäten setzt. Diese impliziten Regeln werden selten erklärt, aber konsequent vorausgesetzt. Für neurotypische Lernende bleiben sie meist unsichtbar. Für Lernende mit ADHS hingegen werden sie zu ständigen Stolpersteinen mit der Folge, dass Kompetenz und Potenzial nicht erkannt werden und Schlussendlich zur Exklusion führt.
Im weiteren Bildungsweg wie etwa im Studium oder in der beruflichen Ausbildung verschiebt sich das Problem, verschwindet aber nicht. Die Anforderungen an Selbstorganisation, Zeitmanagement und eigenständige Strukturierung steigen deutlich. Gleichzeitig nehmen äußere Rahmenstrukturen ab. Wer Unterstützung braucht, muss sie aktiv einfordern, Anträge stellen und sich erklären. Das kostet Energie und oft genau die Ressourcen, die ohnehin schon knapp sind.
Nachteilsausgleiche und Unterstützungsangebote existieren zwar, sie sind jedoch häufig an Diagnosen, formale Verfahren und Offenlegung gebunden. Viele Betroffene verzichten darauf aus Angst vor Stigmatisierung oder weil sie ihre Schwierigkeiten über Jahre hinweg kompensiert haben. Das Bildungssystem belohnt damit vor allem jene, die sich anpassen können aber nicht zwingend jene, die kreativ, vernetzt oder innovativ denken.
Ein neurodiversitätsorientierter Blick auf Bildung stellt daher nicht die Frage, wie Menschen mit ADHS besser „funktionieren“ können, sondern wie Lernumgebungen vielfältiger gestaltet werden können. Klare Strukturen, transparente Anforderungen, flexible Prüfungsformate, Pausen, visuelle Unterstützung und unterschiedliche Zugänge zu Wissen sind keine Sonderlösungen, sondern Qualitätsmerkmale guter Bildung das Empowerment, Selbstbestimmung und Partizipation lebt.
Oder anders gesagt:
Wenn ein System nur für eine Art zu lernen gemacht ist, liegt das Problem nicht bei jenen, die anders lernen, sondern bei der Begrenztheit des Systems.
Kleiner Tipp
Was Einzelpersonen tun können:
- klar und konkret kommunizieren
- Aufgaben übersichtlich strukturieren
- Reizüberflutung reduzieren
- Nachfragen nicht als Schwäche interpretieren
Was Organisationen tun können:
- transparente Prozesse
- visuelle und schriftliche Unterstützung
- flexible Arbeits- und Lernmodelle
- eine Haltung fördern, die Vielfalt ernst nimmt
Die zentrale Frage lautet dabei nicht:
Warum klappt das nicht?
Sondern:
Was müsste sich ändern, damit es klappen kann?
ADHS macht sichtbar, wie sehr unsere Gesellschaft bestimmte Formen von Aufmerksamkeit und Selbstorganisation bevorzugt. Neurodivers gedacht, ist ADHS kein persönliches Scheitern, sondern ein Hinweis darauf, dass Vielfalt andere Strukturen braucht, denn nicht jedes Gehirn funktioniert nach Kalender, To-do-Liste und 90-Minuten-SITZungen.
Das ist kein Fehler im System der Menschen, sondern im System der Erwartungen.
Liebe Grüße Robert!
Literatur – Empfehlung:
Buch:
Simchen, H. (2024). ADHS – Hilfe zur Selbsthilfe. Lern- und Verhaltensstrategien für Schule, Studium und Beruf. (3. Auflage) Kohlhammer Verlag.
Hörbuch:
Niechzial, S. (2024). Ein Kopf voll Gold. Was neurodivergente Kinder brauchen und wie wir sie stärken können. Lagato Verlag.
*Bild Quelle: KI generiert

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